Wenn der Bürger etwas besser weiß

Als Polizeibeamter ist man in einer ganz speziellen Situation. Ich würde sagen, dass ist ganz ähnlich wie als Bundestrainer. Es ist nämlich so, dass in der BRD bestimmt 80 Millionen Leute leben, die viel besser als man selbst wissen, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe. Und so ein Exemplar ist mir heute mal wieder begegnet.

Situation: Bei uns in der Gegend gibt es den Alexander E. Er ist bei meiner Dienststelle ein sehr (!) guter Kunde. So was soll es geben, kein Problem, wir kommen damit zurecht. Er wird regelmäßig als Täter von Straftaten angezeigt, bislang ist nur wenig geschehen.

Bis heute. Da kommt eine E-Mail vom Kollegen, in der er darauf aufmerksam macht, dass aktuell ein Haftbefehl gegen den E bei uns eingegangen ist und wir deshalb mal die Augen nach ihm offen halten sollen.

Perfekt. Mit meiner Kollegin klappere ich die einschlägigen Orte und Plätze ab, wo sich der E normalerweise aufhält. Ist ja auch nicht schlecht, wenn man seine Kundschaft kennt, oder?

Auf jeden Fall haben wir Glück, da läuft der E gerade die Straße entlang.

Gleich angehalten, gegrüßt, „bleiben sie doch mal für einen Moment stehen“, dann das übliche Gemotze. Wir hätten kein Recht, ihn aufzuhalten, er hat keine Lust stehen zu bleiben und überhaupt, wir können ihm gar nichts, er ist ja ein freier Mann.

Letzteres stimmt, aber das gedenke ich zu ändern.

Ich erkläre ihm die Sache mit dem Haftbefehl, biete ihm an, eine Kopie gleich einzusehen.

Der E sieht das anders. Ein Riesengeschrei folgt. Schließlich stellt er fest, dass ich nur das Recht habe, seinen Ausweis zu sehen, wirft ihn mir entgegen und möchte davon latschen.

Ich bin diesbezüglich inzwischen etwas weniger geneigt, die Sache ruhig anzugehen. Wird nämlich sowieso nichts mit „ruhig und entspannt“. Inzwischen werde ich recht deutlich. Er kommt freiwillig mit oder unfreiwillig. Aber mitkommen ist auf jeden Fall das Ergebnis.

Er baut sich vor mir auf.

Nebenbei: Das Gebrüll und das Spektakel sorgt dafür, dass sich einige Passanten für den Fall zu interessieren beginnen und zuschauen und erste Kommentare loswerden.

Jetzt kennen die Passanten (mit hoher Wahrscheinlichkeit) den E nicht so gut wie ich. In der linken Innentasche seiner Jacke hat er ein Messer (immer), es ist schon vorgekommen, dass dies im Rahmen einer Anzeigenaufnahme „zufällig“ in seine Hand rutschte und schließlich für recht unschöne Situationen gesorgt hat. Was dazu kommt: der E ist schizophren im engeren Sinne. Seine Realitätswahrnehmung, gepaart mit einem Schuss Verfolgungswahn macht den Umgang mit ihm nicht gerade einfach.

Dies wird mir heute nicht passieren. Für mich steht zumindest der Entschluss fest, sich nicht auf eine Rangelei mit dem Festzunehmenden einzulassen. Viel zu gefährlich. Irgendwelche Kung-Fu-Tricks zur Entwaffnung eines mit Messer ausgestatteten Geisteskranken sind was fürs Fernsehen, nicht für den täglichen Dienst.

Also zücke ich mein Pfefferspray, bin recht deutlich und sage dem E, was passiert, wenn er jetzt nicht freiwillig seine Hände von der Innentasche seiner Jacke weg lässt und endlich „mitmacht“. Klar, dass das nicht funktioniert. Aber immerhin habe ich es versucht.

Als er schließlich auf eine Treppe hinter ihm flüchtet, nach meinem Kopf tritt, als ich hinterher laufe, habe ich die Faxen dicke, er sprühe ihn (vollständig) ein, entleere die Dose Pfefferspray in sein Gesicht.

Lehrbuchmäßig wird er handlungsunfähig, eine zweite Streife (mit Kombi) wird angefordert, der E abtransportiert, um nach Erledigung des Papierkrams in die nächste JVA überführt zu werden.

Wir selbst sind noch kurz vor Ort und tatsächlich meldet sich schon die erste „Zuschauerin“. Wider ein typisches Beispiel für Polizeibrutalität, sie habe alles genau beobachtet und werde sich beschweren. Er hat ja schon den Ausweis herausgeholt, das wäre alles nicht notwendig gewesen, das wird Folgen haben.

Was ich immer interessant finde: Die Dame kennt den E nicht. Sie hat keine Ahnung davon, dass er geisteskrank, gewalttätig und mit einem Messer herumläuft und sich auch nicht scheut, dieses auch mal zu nutzen. Sie hat auch keine Ahnung davon, dass ich an dem Ausweis des E überhaupt nicht interessiert war (ich kenne ihn ja schon), sondern an ihm selbst.

Kurzum: meine Zuschauerin hat nicht die geringste Ahnung von den Beteiligten, dem Ziel der polizeilichen Maßnahmen, von den Hintergründen und der rechtlichen Situation. Aber sie ist grundsätzlich mit dem Ganzen nicht einverstanden und tut auch lautstark kund, wie es besser zu laufen hat.

Muss sich ein Heizungsbauer, Maurer oder sonst wer auch mit Leuten abgeben, die ihm mitteilen, wie eine bestimmte Arbeit zu erledigen ist? Oder ist es nur beim Fußball und der Polizei so, dass alle besser wissen, wie was und warum es zu passieren hat?

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