Über den Schamanen

Esotherik und ich

Ich gebe ja gerne zu, dass ich eher der rationale Typ bin. Mit esotherischen Strömungen kann ich nur wenig anfangen, irgendwelche verschrobenen Ideen kann ich nichts abgewinnen. Rationalismus eben. Eigentlich nicht die schlechteste Eigenschaft für die Polizei. Natürlich gibt es mit dieser Einstellung auch immer wieder Irritationen mit der eher „aufgeschlossenen“ Kundschaft.

Nachtschicht eben

Donnerstag Nacht, nur wenig los.

Bei uns am Telefon meldet sich eine Dame und schildert eine eher undurchsichtige Geschichte. Sie steht mit ihrem Auto vor dem hiesigen Krankenhaus und ihre Beifahrerin möchte nicht aussteigen, da sie zur Toilette möchte. Klar, oder?

Manche Dinge regelt man am besten vor Ort. So am Telefon kann ich solche Dinge nicht entwirren.

Die Kollegin geschnappt und auf den Weg gemacht zum Parkplatz des hiesigen Kreiskrankenhauses. Und da steht auch schon eine etwas lebensältere Dame und wirkt recht erleichtert, dass die polizei da ist.

Und dann schildert sie ihre Geschichte nochmals:

Sachverhalt

Am heutigen Abend bekommt meine Anzeigeerstatterin einen Anruf von einer alten Bekannten, der M. Diese bittet sie, sie irgendwie in das Kreiskrankenhaus Emmendingen zu fahren. Es muss unbedingt sein und der Ehemann der M wolle diese nicht fahren. Jetzt sind die nicht unbedingt enge Freundinnen, aber wenn man so einen Anruf erhält, hilft man natürlich und meine Anzeigeerstatterin fährt die M zu hiesigem Kreiskrankenhaus.

Und hier angekommen, offenbart sich das Problem. Die M ist nämlich der Meinung, zum Kreiskrankenhaus zu müssen, um hier einen Tierarzt für ihren Schäferhund zu bekommen. Und sie will nun nicht mehr aus dem Auto ihrer Bekannten aussteigen. Und diese ist nun zunehmend verzweifelt.

Also das Gespräch mit der M gesucht. Die bestätigt das auch alles. Ja, sie muss heute Nacht zum Krankenhaus. Ihr Schäferhund braucht einen Tierarzt. Gut. Verständlich. Nur sehe ich keinen Schäferhund. Auch nicht im Kofferraum des Fahrzeugs. Ja, sie muss den Tierarzt ja auch mitnehmen nach Hause, dass der sich dort um den Hund kümmern kann. Und nach diesem Satz wird es noch merkwürdiger. Mit einer gewissen Inbrunst ruft sie aus: „weißer Wolf, gib mir Kraft“. Und dann geht es weiter mit dem Verlangen nach einem Tierarzt.

Ich mache sie darauf aufmerksam, dass es sich hier um ein Krankenhaus für Humanmedizin ist, Tierärzte wird sie hier keine finden. Doch, hier muss es Tierärzte geben. Aso.

Und warum sie nicht aus dem Auto ihrer Bekannten aussteigt? Ja, sagt die M, weil sie pinkeln muss. Und überhaupt versteht sie niemand. Aber auf jeden Fall muss sie pinkeln. Und deshalb kann sie nicht aussteigen. Und dann erklärt sie mir irgendwelche Zusammenhänge, die kein Mensch nachvollziehen kann.

Das Gespräch wird zunehmend skurril. Klar ist auf jeden Fall, dass die M nicht ganz rund läuft. Insbesondere deshalb, weil sie auf einmal wieder zu dem weißen Wolf spricht.

Ich nutze die Zeit, um zu prüfen, ob die M vielleicht aus unserer heimischen Psychiatrie entkommen ist. Nein. Schade.

Noch während wir unser sehr bizarres Gespräch fortsetzen, kommt ein weiteres Auto her gefahren. Bei dem Fahrer handelt es sich um den Ehemann der M.

Auf den ersten Blick macht er jetzt auch keinen ganz seriösen Eindruck. Aber dieser kann ja täuschen. Ich überlasse Frau M der Fürsorge meiner Kollegin und rede mal mit dem Ehemann.

Aber er entschuldigt sich vielmals. Seine Frau habe in letzter Zeit psychische Probleme. Und es wird nicht besser. Das wundert ihn, immerhin ist sie ja inzwischen in Behandlung.

Ich hake nach. Beim Hausarzt? In der Psychiatrie? In einer anderen Einrichtung?

Nein. Sie war jetzt erst vor kurzem bei ihrem Schamanen (!). Dieser hat zunächst zwei Stunden für sie getrommelt, danach hat er gemeinsam mit ihr ihr Totemtier gefunden. Und nun muss sie ihr Totemtier (welches wird es wohl sein?) anrufen, dieses gibt dann die Kraft an die M weiter. Nur hat das merkwürdigerweise nicht funktioniert.

Wir stimmen zumindest in diesem Punkt überein…

Auf jeden Fall sichert Herr M zu, seine Frau mit nach Hause zu nehmen und sich um den weiteren Gang der Dinge schlau zu machen.

Der Schamane

Natürlich habe ich vor Ort versucht, auf eine etwas „konventionellere“ Behandlung hinzuweisen. Die funktionieren immerhin (oft).

Aber egal, wie ich zu Esotherik, Schamanismus oder sonstigen alternativmedizinischen Behandlungsansätzen stehe: Einen Halswirbeltrümmerbruch kann niemand mit Globuli behandeln. Und eine paranoide Schizophrenie werde ich bestimmt nicht dadurch los, dass der Schamane meines Vertrauens zwei Stunden mit mir trommelt…

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