Die Sache mit den Vorurteilen

Immer wieder muss ich mir anhören, dass ich unter Vorurteilen leide, dass Vorurteile meine polizeiliche Arbeit beeinträchtigen oder gar leiten.

Gerade bei der Polizei im Streifendienst ist es ja so, dass ich tatsächlich recht viel mit allen möglichen „speziellen“ Gruppierungen zu tun habe. Und oft genug ist es dann so, dass mein jeweiliges Gegenüber ganz ganz genau weiß (!) und es mir auch mitteilt, dass ich ihm nur deshalb Scherereien mache, weil er Ausländer / Obdachlos / Arm / eine Frau / usw… ist.

Klar. Könnte durchaus sein.

Könnte natürlich auch einfach sein, dass bestimmte Gruppierungen auch einfach häufiger als Täter oder Teilnehmer polizeilich relevanter Sachverhalte auftreten…

Freitag, 17.00 Uhr. Ein junges Paar steht bei mir in der Wache, möchte Anzeige erstatten. Sie waren gerade hier in der Nähe unterwegs, da werden sie von einem anderen Pkw zuerst überholt, dann ausgebremst, der andere Fahrer steigt aus, beleidigt beide aufs Übelste, droht ihnen Schläge an und braust dann davon in seinem tief-breit-schnell-verspoilerten 3er BMW.

Ich vernehme beide, lasse mir auch den Fahrer beschreiben, ermittle den Halter des besagten BMW und stelle fest… ja, wir kennen uns bereits. Es ist der H. Mit diesem hatte ich schon hin und wieder zu tun, passt auch zu ihm. Und dass er in einem prolligen BMW herumbraust, ist mir auch schon bekannt.

Zeit für einen Besuch.

Die Adresse kenne ich schon, Zeit ist auch noch genug bis Feierabend, also kurz bei ihm vorbei fahren. Er ist auch zu Hause, öffnet die Türe, erkennt mich… und legt dann los.

Normalerweise ist ja jetzt für mich der Zeitpunkt gekommen, mit meinem üblichen Sermon (Belehrung, Befragung) loszulegen. Heute komme ich nicht dazu.

Vielmehr geht es los damit, dass mir mitgeteilt mit, dass ich ja was gegen ihn persönlich habe (stimmt, lasse ich mir aber nicht anmerken), gegen Ausländer (stimmt eigentlich nicht, nur eben gegen den H, der halt aus dem außereuropäischen Ausland stammt), dass ich ihn verfolge (könnte man sagen, war aber heute zu Dienstbeginn noch nicht mein Plan) und dass ich Vorurteile habe gegen ihn, obwohl er noch nie etwas gemacht habe (stimmt definitiv nicht). Außerdem sind die meisten Polizisten doch eh irgendwelche Nazis (das stimmt nun überhaupt nicht).

Ein Gespräch war auf jeden Fall nicht möglich. Bekommt er eben seinen Anhörbogen per Post, anstatt die Sache im Rahmen einer persönlichen Betreuung durchzuführen.

Aber auf einige Kleinigkeiten hat mich der H halt schon gebracht.

Ich habe definitiv Vorurteile. Jeder (ausnahmslos) hat welche. Natürlich auch ein polizeibeamter. Geht ja gar nicht anders. Und Vorurteile müssen ja auch nicht automatisch schlecht sein. Wichtig ist jedoch, sich von den eigenen Vorurteilen nicht so stark vereinnahmen zu lassen, dass dies Auswirkungen auf mein Professionelles Handeln nimmt, oder?

Und wenn der H oft mit der Polizei zu tun hat, wenn er bei hiesigem Streifendienst schon den meisten bekannt ist, dann liegt das doch weniger an der „bösen Polizei“, die ihn immer als Ausländer verfolgt, sondern vielleicht eher daran, dass er nicht nur „verhaltensauffällig“ (andere würden „kriminell“ sagen) ist, sondern auch noch dumm genug, jedes Mal dann auch noch unverschämte Sprüche zu klopfen, wenn er mal wieder bei einer strafbaren Handlung erwischt wird.

Also ja. Vorurteile gibt es überall. Aber sie sind gar kein Problem, so lange man sich nicht davon beeinflussen lässt…

Und nebenbei: Der Anhörbogen von H kam zurück…

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