Die Hauswand

Wir nehmen jeden Unfall auf

Ein großer Teil meiner polizeilichen Arbeit besteht in der Aufnahme und Bearbeitung von Verkehrsunfällen aller Art. Ob es sich nun um einen kleinen Parkrempler handelt, ob jetzt verletzte Motorradfahrer auf der Straße liegen oder ob vielleicht irgendwo eine Verkehrsunfallflucht begangen wurde… alles egal. Wer seinen Verkehrsunfall durch die polizei aufgenommen haben möchte, dem steht das zu. Und das ist ja auch gut so, immerhin zahlen alle ja Steuern und haben somit ein Anrecht auf die Bearbeitung von Problemchen durch die Polizei.

Nun muss ich aber dazu sagen, dass es mitunder anstrengend ist, jeden Verkehrsunfall aufzunehmen, den verständige Menschen ohne Polizei miteinander regeln könnten. Einfach unnötige Arbeit, die keinem der Beteiligten was bringt.

Es ist doch so: Zuallererst ist die Polizei bei der Unfallaufnahme nur für die Verfolgung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten zuständig. Die zivilrechtlichen Probleme (immerhin will ja jeder seinen Schaden bezahlt haben) gehen die Polizei erstmal gar nichts an. Und so sind die Beteiligten beim Verkehrsunfall nicht immer einverstanden mit der Tatsache, dass lediglich ein Strafzettel ausgefüllt wird und die Beteiligten ansonsten ihre Ansprüche selbst klären müssen (oder mit der Versicherung).

Nichtsdestotrotz nehmen wir auch solche Unfälle eben auf.

Noch besser sind aber die Geschichten, bei denen es einer oder beide Unfallbeteiligte viel besser wissen, wie ein Unfall ordentlich aufzunehmen ist. Wenn dir einer der Beteiligten genau erklärt, welche Art von Fotos du wie aufzunehmen hast, wenn er dir gute Ratschläge gibt, wie Fahrzeuge auf der Fahrbahn einzuzeichnen sind oder überhaupt Unfallspuren gesichert werden sollen. Meine Dankbarkeit für diese mehr oder weniger sinnvollen Ratschläge hält sich dabei meist in Grenzen.

Wenn es zur Unfallflucht kommt

Deswegen gefällt mir der R nicht.

Der R kommt zu meiner Dienststelle und erklärt, er bzw. sein Pkw ist Opfer einer Verkehrsunfallflucht. Und die muss heute Nacht passiert sein.

Tja, und jetzt (muss ich mir selbst vorhalten) beginne ich, schon mal Formulare schwarz anzumalen, eine Anzeige aufzunehmen, eine kurze Vernehmung durchzuführen: Der R hat sein Fahrzeug abgestellt und als er heute morgen zu seinem Auto hinmarschiert, fällt ihm eine Schramme an der Stoßstange auf. Soll es geben.

Ganz zum Schluss gehe ich mit ihm auf den Parkplatz und schaue mir den Schaden an, möchte einige Lichtbilder fertigen und die Sache noch kurz mit dem Maßband ausmessen. Und hier stutze ich.

Der Schaden kommt bestimmt nicht von einem anderen Pkw… hier ist niemand an seiner Stoßstange hängen geblieben. Das war viel „härter“. Ein Stein? Eine Hauswand? Eher letzteres. Tiefe Kratzer, noch mit Gipsresten gefüllt, Gipsantragungen um die Kratzer drum herum.

Ob der R denn mal irgendwo hängen geblieben ist? Nein, niemals…

Woher kommt dann der Gipsstaub? Sieht aus, wie an einer verputzten Wand entlang geschrammt? Na ja, vielleicht ist hier ja ein Betonmischer gegen sein Auto gefahren.

Aha. Und der hatte auch gleich eine Wand dabei.

Ja, egal. Derr R weiß, was ihm zusteht. Ich soll jetzt mal hinmachen und meine Einwände für mich behalten. Er möchte bemaßte Lichtbilder, das Aumessen der Unfallstelle, damit er eine maßstabsgetreue Skizze erhält und es wäre für mich am besten, wenn ich für die chemischen Analyse der Gipsprobe einen Kriminaltechniker kommen lasse. Nicht, dass der R mir so was nicht zutraut, er hat aber immerhin einige Ansprüche…

Jetzt gibt es Fälle, bei denen ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Dies ist keiner davon.

Nachdem ich das ungläubige Grinsen aus meinem Gesicht wischen musste, bedanke ich mich für die tollen Hinweise, wie denn ein Unfall aufzunehmen sei. Und dann erkläre ich ihm die Realität. Natürlich könnte es sein, dass ein mit einer Gipswand beladener Lkw ausgerechnet heute Nacht durch sein Wohngebiet auf dem Gehweg (!) rangiert sei, an seinem Auto (an einer unmöglichen Stelle) hängen blieb und sich dann von der Unfallstelle entfernte.

Viel wahrscheinlicher ist es doch aber, dass er beim letzten rückwärts Einparken irgendwo hängen blieb. Oder nicht?

Nein, natürlich nicht. Er möchte sofort mit jemandem sprechen, der sich besser mit Unfällen auskennt…

Man muss mir nicht glauben

Natürlich bin ich kein Sachverständiger. Den Anspruch erhebe ich auch nicht.

Aber ich bin mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet und nehme Unfälle jetzt bereits seit Jahrzehnten auf. Von daher kann ich zumindest einen kleinen Vertrauensvorschuss erwarten.

Und der Polizei (also mir) zu erklären wie und auf welche Art ich einen Verkehrsunfall aufzunehmen habe, ist schon ein wenig anmaßend, oder nicht? Hast du denn schon mal deinem Bäcker erklärt wie er Brot zu backen hat? Hast du schon mal deinem Maurer widersprochen, wenn er dir erklärt hat, dass eine Mauer nur so und nicht anders hält?

Warum musst du dann nicht nur der Polizei erklären wie Unfälle aufzunehmen sind und, was dann noch der Gipfel ist, völlig lächerlicherweise einen mehr oder weniger abstrusen Unfallhergang zusammenspinnen, nur um nicht zuzugeben, dass du halt auch mal beim Einparken gegen eine Wand schrammst?

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